Was ist der "Dominanzbereich"?
Wenn Sie eine Führung mitmachen, z.B. eine Stadtbesichtigung oder einen Museumsrundgang, laufen Sie – wie alle Teilnehmer – wahrscheinlich brav hinter der Führungsperson her. Sonst gäbe es ja auch ein heilloses Durcheinander. So ist es eigentlich bei allen sozial lebenden Wesen, ob in einer Elefantenherde oder im Hunderudel. "Wer vorne geht, führt.", heißt die Devise. Und: Wenn eine Person auf Sie zukommt, die Sie respektieren, machen Sie ihr wahrscheinlich unbewusst Platz (z.B. ihrem Chef) – oder würden Sie sich breit machen und den Weg verstellen? Aus Hundesicht könnte man sagen: Sie respektieren den "Dominanzbereich" dieser Führungsperson. Umgekehrt: Sie befinden sich automatisch im Unterordnungsbereich, wenn Sie sich hinter jemandem aufhalten.
Wie sieht das in der Praxis mit Hunden oft aus? Auf der Straße sehen Sie Hunde, die erhobenen Hauptes (Schwanzes) an der Leine vor ihren Menschen herlaufen. Ändert Mensch die Richtung, ist Hund – schwupps – wieder vorne. Viele Menschen lassen ihre Hunde auch genau vor sich sitzen – darüber lässt sich streiten: Ihr Hund kann sie so zwar gut anschauen, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man seinen Hund so praktisch zum "Im-Weg-Stehen" erzieht. Er kann sie so auch viel leichter auffordern und setzt sich vielleicht genau vor sie, wenn er ewas will.
Der Dominanzbereich ist ein weit unterschätzter Punkt bei der Hundeerziehung – und ganz leicht mit einzubeziehen. Viele Hundehalter haben etwas gegen Begriffe wie "Dominanz" und "Unterordnung" in der Erziehung, weil sie nach Aggression oder lauter Autorität klingen. Hier sei gesagt: Hunde sind bekanntlich keine Demokraten und brauchen eine klare Struktur. Dominanz, wie sie hier gemeint ist, hat nichts mit herumbrüllen oder bestrafen zu tun, sondern mit eindeutiger Verständigung zwischen Mensch und Hund – das geht auch leise, freundlich und bestimmt. Es ist ebenso normal, wenn ein Hund immer wieder dominantes Verhalten "trainiert", also seine Grenzen testet. Als Hundehalter und verdienter Chef muss man ihn eben immer wieder von der eigenen Führung überzeugen – mit etwas Köpfchen ist das gar nicht so schwer.
Ihr Hund versteht schnell: Hinter Ihnen ist es besser
Deshalb heißt die einzige Botschaft diese Woche: Achten Sie bei sämtlichen "Erziehungsmaßnahmen" darauf, dass Ihr Hund keine Möglichkeit hat, sich ständig in Ihrem Dominanzbereich – also vor Ihnen – aufzuhalten. Sie werden feststellen: Die Erziehung wird leichter, Ihr Hund achtet mehr auf Sie, Sie haben auf Dauer weniger "Diskussionen" und mehr Kontrolle über Ihren Hund.
Wenn Sie "Sitz" üben, lassen Sie ihn hinter (auch nicht neben) sich sitzen.
Wenn Sie "Bei" (Fuß, Komm, Hier) üben, geht der Hund hinter Ihnen. (siehe dazu auch simplify dog-Ausgabe "Locker an der Leine?", September 2006)
Wenn Sie an einem Tisch oder auf dem Sofa sitzen, lassen Sie den Hund nicht vor (auf) Ihren Füßen schlummern, so dass Sie ständig ausweichen, drübersteigen oder -stolpern müssen.
Oft fehlen nur ein paar Zentimeter, bis Ihr Hund wirklich hinter Ihnen ist – bestehen Sie darauf, bevor Sie ihn loben. Sie stellen Ihren Hund also körperlich und psychologisch zurück. Wie wichtig diese paar Zentimeter wirklich sind, erkennen Sie daran, dass Ihr Hund Sie vielleicht anfangs genau um diese Zentimeter zu beschummeln versucht. Nehmen Sie's gelassen und bleiben Sie dran...
Wie bekommen Sie Ihren Hund hinter sich? Ganz einfach: Belohnen Sie ihn nur, wenn er sich im Unterordnungsbereich aufhält. Also nicht nur fürs Sitzen, sondern fürs "Hinter Ihnen Sitzen/Gehen/Liegen". Beim Üben ist wie immer Timing alles: Sobald er das geforderte Signal hinter Ihnen befolgt, loben Sie ihn freundlich mit der Stimme. Noch deutlicher ist die Bestätigung, wenn Sie (anfangs sofort, später verzögert) einen Gegenstand HINTER den Hund werfen, den er hetzen bzw. holen darf. Wir machen oft unbewusst den Fehler, z.B. einen Ball immer vor uns zu werfen, weil wir eben vorwärts laufen und gar nicht auf die Idee kommen, uns mal kurz umzudrehen.
Wenn Sie sich über Ihren "Dominanzbereich" bewusst werden und im Umgang mit Ihrem Hund darauf achten, lernt er: Es lohnt sich, wenn ich mich hier aufhalte! Hier werde ich gelobt, von hier aus darf ich spielen, jagen, etwas tun.
Ich wünsche Ihnen "freie Bahn" vor Ihren Füßen